Die Vorgeschichte
Dieses Jahr habe ich mich entschlossen, eine längere Auszeit zu nehmen. Mein Plan war, einige Wochen alleine in Japan zu verbringen und auf dem Weg dorthin einen guten Studienfreund in China zu besuchen. In Japan stehen ein zweiwöchiger Sprachkurs in Fukuoka (Kyushu), Reisen durch Kyushu und ein Abstecher nach Yakushima auf dem Programm – bevor es schließlich zum obligatorischen Familienbesuch geht.
Dank der aktuell geltenden Sonderregelung für visumfreie Einreisen nach China passte das zeitlich perfekt. Mein „Reiseleiter“ lebt und arbeitet seit über 20 Jahren in Shanghai – eine ideale Voraussetzung, um das Land auch abseits der üblichen Touristenpfade zu entdecken.
Die geplante Route führte von Shanghai nach Hangzhou, weiter über die Qiandaohu-Seenplatte zu den Gelben Bergen (Huangshan) und von dort wieder zurück. Der folgende Bericht beschreibt diese Etappe der Reise.
Bereits 2012 war ich in China unterwegs – damals von Shanghai über Xi’an nach Peking. Als Technikbegeisterter bin ich besonders gespannt, wie sich künstliche Intelligenz, Technologie und Elektromobilität in China inzwischen entwickelt haben.
Nach der Abholung am Flughafen ging es über die Autobahn von Hangzhou nach Shanghai. Die meisten Fahrzeuge sind inzwischen Elektroautos. Auf den Autobahnen herrscht freie Spurwahl – überholt wird von allen Seiten. Immer wieder fallen überladene LKWs auf, manchmal sogar mit einem Trike auf der Ladefläche. Dieser Anblick steht in starkem Kontrast zu den futuristischen E-Fahrzeugen, die überall zu sehen sind. Trotzdem wird erstaunlich wenig gehupt. Wenn jemand kurz an einer Ausfahrt hält, fahren andere einfach rechts oder links vorbei. Die Maut wird elektronisch über Lesegeräte im Fahrzeug bezahlt – ähnlich wie in Japan.
In der Öffentlichkeit, auf Straßen und in Restaurants herrscht eine lebhafte, fast südeuropäische Atmosphäre. Es wird viel gelacht und laut gesprochen. Manchmal ertönt ein lauter Ruf – Fotostopp! Denn an vielen Orten sind Ausländer immer noch eine große Seltenheit.
Das Essen ist ausgezeichnet und preislich sehr günstig. Es gibt eine große Auswahl an Fleisch-, Fisch- und Gemüsegerichten; exotische Speisen sind selten. Bezahlt wird fast überall mit dem Handy über Alipay oder WeChat Pay – selbst das Frühstück lässt sich unkompliziert per App bestellen und liefern.
Der Reisezeitpunkt war ideal: direkt nach der chinesischen „Golden Week“, wenn die meisten Urlauber schon wieder zu Hause sind.
Die Fahrt über Land war bewusst so gewählt worden, um das „echte“ China zu sehen. Der subjektive Eindruck war dass hier selbst ausserhalb der grossen Städte ein bescheidener Wohlstand zu sehen ist.
Yanshou Old City
Das erste Ziel war eine liebevoll restaurierte Altstadt von Yanshou am Xin’an Fluss gelegen, mit zahlreichen traditionellen Gebäuden und einer gut erhaltenen Stadtmauer.




Innerhalb des alten Kerns gibt es zahlreiche schön restaurierte Gebäude und Spazierwege über alte Steinbrücken durch das Stadtzentrum.
Qiandaohu-See
Das nächste Ziel der Rundreise war der Qiandaohu-See („See der tausend Inseln“). Dabei handelt es sich um einen See, der 1965 als Wasserreservoir angelegt wurde. Heute sind in dem See zahlreiche Fischfarmen angesiedelt welche die Region versorgen.
Heute ist es ein beliebtes Naherholungsgebiet für die umliegenden Metropolregionen. Es gibt zahlreiche Ferienhotels, Siedlungen mit Ferienhäusern, Bootstouren, Wander- und Velowege. Die höherpreisigen Orte sehen europäischen Feriendörfern und Hotels sehr ähnlich.


Wer in den grösseren Orten dort ist, sollte jedoch keine beschaulichen Dörfer erwarten. Das sieht dann wieder eher nach Grossstadt aus. Unser Hotelzimmer war in der 10. Etage und von Appartment-Compounds umgeben mit noch höheren Gebäuden.
Huangshan-Gebirge
Nach rund drei Stunden Fahrt über teils leere Autobahnen erreichten wir das Huangshan-Gebirge – eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Chinas. Viele Kalender in chinesischen Restaurants zeigen Szenen aus dieser Region.
Einige Kilometer vor der Talstation muss man das Auto abstellen und in Shuttlebusse umsteigen. Die Seilbahn ist zu empfehlen, da die Gipfelregion zwischen 1.600 und 1.800 Metern liegt und Aufstiege über Hunderte Treppenstufen führen. Wanderwege, wie wir sie kennen, gibt es nicht – stattdessen gepflasterte oder zementierte Wege.


Um dort zu wandern, braucht man gute Nerven, Trittsicherheit und etwas Schwindelfreiheit. Dazu kommt das „Wetterlotto“: Sonnentage sind selten. Dafür ist die Landschaft atemberaubend und wirkt stellenweise fast surreal. Wir hatten Glück – wechselnde Bewölkung und Nebelschwaden tauchten alles in eine fast magische Stimmung.





Wir entschieden uns, eine Nacht oben zu verbringen. Die Berghotels sind große Anlagen mit vollem Komfort – keine Berghütten im europäischen Sinn. Nur die bereitliegenden gefütterten Jacken erinnern an die Höhenlage.
Am nächsten Tag begann das eigentliche Abenteuer: Wir stiegen in einen Canyon ab – über steile Treppen, immer mit Geländern oder Seilen gesichert. Teilweise geht es steil bergab, und einige Reisende riskierten für ein Selfie fast zu viel. Je tiefer es ging, desto wärmer wurde es. An Engstellen kam es zu kurzen Staus, was bei der Menge der Besucher kaum zu vermeiden war. Schließlich erreichten wir die Mittelstation der Seilbahn.




Von dort fuhren wir wieder hinauf, machten eine Gipfelpause und traten später den Rückweg an – vorbei an spektakulären Ausblicken und zurück ins Tal.
Für die Anreise nach Huangshan gibt es zahlreiche Möglichkeiten: öffentliche Verkehrsmittel oder organisierte Touren. Empfehlenswert ist, die Hauptreisezeiten – insbesondere das Frühlingsfest und die Nationalfeiertage – zu meiden. Übernachtungen auf den Gipfeln sollten unbedingt im Voraus gebucht werden. Der Reisepass ist für Seilbahntickets und den Check-in im Hotel zwingend erforderlich (ohne Reisepass kein Check-in). Bezahlt wird, wie überall in China, bequem mit Alipay oder WeChat Pay.

Den Tag haben wir noch mit einem Essen am West-Lake in Hangzhou ausklingen lassen.
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